🍷 Was ist eigentlich normal – und wer hat das entschieden?

Normal müsste doch der Mittelwert sein, könnte man meinen. Das ist quasi das Normalste einer Gruppe. Aber dann hat ein Mensch mit zwei Beinen mehr Beine als normal, weil der statistische Durchschnitt knapp unter zwei liegt.
Normal ist also offensichtlich nicht das, was mathematisch in der Mitte liegt. Normal ist etwas, das gesetzt wird. Von Menschen. Für Menschen. Und das verändert sich.
Die 40-Stunden-Woche? War mal revolutionär. Früher waren 60 Stunden normal, die 6-Tage-Woche Standard. Heute diskutieren wir über 4-Tage-Wochen und fragen uns, ob das „normal“ werden könnte.
Anzug und Krawatte in der Bank? Jahrzehntelang unverhandelbar normal. Heute sitzen Banker in Sneakern und Hoodies in Video-Calls – und niemand stirbt daran. (Soweit ich weiß…)
E-Mails um 23 Uhr verschicken? In manchen Kulturen völlig normal, in anderen ein Tabu. In Frankreich sogar gesetzlich geregelt.
Was gestern undenkbar war, ist heute Standard. Was heute selbstverständlich scheint, war gestern ein Kampf gegen das „Das macht man hier nicht so.“
Normal ist nicht natürlich. Normal ist geMACHT. Denn hier liegt Macht: Wer definiert, was normal ist, bestimmt, wer dazugehört. Wer die Standards setzt, entscheidet, wer mithalten kann und wer draußen bleibt.
Meetings um 9 Uhr morgens? Normal für Frühaufsteher, schwierig für Menschen mit Kindern oder anderen Verpflichtungen. Präsentationen mit schnellem Sprechen und komplexen Folien? Normal für Muttersprachler, herausfordernd für andere. Brainstorming durch lautes Rufen? Normal für Extrovertierte, ausschließend für Menschen, die Zeit zum Nachdenken brauchen.
Co-Creation bedeutet: Normal bewusst erweitern, statt unbewusst zu reproduzieren. Die Frage stellen: Für wen ist das, was wir als normal setzen, eigentlich normal? Und wer bleibt dadurch außen vor?
Das ist keine politische Korrektheit, sondern strategische Klugheit. Wenn nur die am Tisch sitzen können, für die unsere Definition von normal passt, verpassen wir Perspektiven, Ideen, Lösungen.
Zugänglichkeit ist eine Machtfrage: Wer darf dabei sein?
Normal ist veränderbar. Die 40-Stunden-Woche war mal radikal, heute ist sie selbstverständlich. Homeoffice war undenkbar, heute ist es normal. Was heute ausgeschlossen scheint, kann morgen Standard sein.
Die Frage ist: Wer entscheidet über diese Veränderungen? Und: Wer ist dabei, wenn diese Entscheidungen getroffen werden?
Was hältst du in deinem Kontext für normal, und wer könnte dadurch ausgeschlossen sein?
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