Dringlichkeit frisst Fortschritt

🥜 Co-Creation bedeutet, dass Menschen Themen treiben dürfen, statt sich von ihnen getrieben zu fühlen.

„Wir haben keine Zeit für lange Diskussionen, wir müssen jetzt entscheiden!“ Dieser Satz fällt in Organisationen täglich. Und er klingt vernünftig. Pragmatisch. Handlungsorientiert.

Aber er hat Konsequenzen.

Ein Unternehmen arbeitet an seiner digitalen Strategie. Es gibt unterschiedliche Perspektiven auf den Markt, offene Fragen zur Technologie, verschiedene Szenarien für die Zukunft. Aber die Zeit drängt. Der Vorstand entscheidet allein. Schnell, effizient, ohne lange Abstimmung mit den Fachbereichen.

Ein Jahr später: Die Strategie läuft ins Leere. Wichtige Marktentwicklungen wurden übersehen, weil die Menschen, die täglich mit Kunden arbeiten, nicht einbezogen waren. Die Technologieentscheidung passt nicht zu den tatsächlichen Prozessen. Währenddessen haben Wettbewerber, die sich Zeit für gemeinsame strategische Entwicklung genommen haben, längst neue Geschäftsmodelle etabliert.

Was ist passiert? Dringlichkeit hat Gestaltungsmacht gefressen. Und damit Fortschritt verhindert.

Wer keine Zeit hat, Themen gemeinsam zu durchdenken, zahlt doppelt. Intern werden Entscheidungen getroffen, die an der operativen Realität vorbeigehen und später mühsam korrigiert werden müssen. Die Zeit und das Geld, die man vorher sparen wollte, fließen dann in Nachbesserungen, Korrekturen und die Reparatur von Vertrauen. Extern verliert die Organisation den Anschluss, während Wettbewerber die Zukunft der Branche gestalten, Start-ups Trends früher erkennen und andere ihre kollektive Intelligenz nutzen, statt in Dringlichkeit zu ersticken. In unseren komplexen Zeiten macht es unternehmerisch schlicht keinen Sinn, auf gemeinsame Entwicklung zu verzichten.

Co-Creation braucht Zeit zum Verstehen, zum Abwägen und zum gemeinsamen Entwickeln. Aber diese Zeit ist investiert, nicht verschwendet. Gemeinsam entwickelte Lösungen sind tragfähiger. Menschen, die mitgestalten konnten, tragen die Umsetzung mit. Und kollektive Intelligenz schlägt individuelle Schnellschüsse.

Der Dringlichkeitswahn, der Menschen keine Zeit lässt, Themen zu durchdenken, hat eine Konsequenz: Sie werden abgehängt. Nicht weil sie nicht kompetent sind, sondern weil sie nicht dabei waren, als gestaltet wurde.

Die Frage ist nicht: Haben wir Zeit für Co-Creation? Die Frage ist: Können wir es uns leisten, keine Zeit dafür zu haben?

Welches Thema treibt dich gerade, statt dass du es treibst?

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