Der gesellschaftliche Heldenreflex

🍷 Wenn zehn Menschen gemeinsam etwas verändern, wer wird dann zur Talkshow eingeladen?

Das Produkt wird ein Riesenerfolg. Nach zwei Jahren Entwicklung und unzähligen Iterationen mit einem 15-köpfigen cross-funktionalen Team steht es endlich im Markt. Die Zahlen sind beeindruckend, die Kunden begeistert, die Konkurrenz neidisch.

Eine Woche später sitzt der Produktmanager in der Wirtschaftstalkshow. „Wie haben Sie das geschafft?“, fragt die Moderatorin. Er erzählt von seiner Vision, seinen Entscheidungen, seinen Durchbruchsmomenten. Die Kamera zeigt sein Gesicht, wenn er von „seinem“ Erfolg spricht.

Was sie nicht zeigt: Sarah aus UX, die drei Monate lang Nutzertests moderiert hat. Maryam aus der Entwicklung, die die technische Architektur erdacht hat. Tom aus dem Marketing, der die Zielgruppe definiert hat. Das gesamte Team, das gemeinsam die hundert kleinen und großen Entscheidungen getroffen hat, die aus einer Idee ein Produkt gemacht haben.

Ein Platz in der Talkshow, fünfzehn Menschen im Team. Die Rechnung geht nicht auf.

Erfolg hat viele Eltern, aber oft nur einen Platz im Rampenlicht. Dieser gesellschaftliche Heldenreflex ist tief in uns verwurzelt. Menschen brauchen Gesichter. Geschichten. Jemanden, mit dem sie sich identifizieren können. „Das hat ein Team entwickelt“ ist abstrakt. „Das hat Mario entwickelt“ ist greifbar. Medien brauchen Protagonisten, Narrative brauchen Helden.

Das Problem: Die Heldenerzählung stimmt nicht mit der Realität überein. Durchbrüche entstehen selten im stillen Kämmerlein eines Genies, sondern im kreativen Chaos kollektiver Intelligenz. In Diskussionen, die in Sackgassen führen. In Ideen, die erst schlecht sind, dann gut werden. In Menschen, die sich gegenseitig herausfordern und inspirieren.

Wenn nur einer das Lob bekommt, demotiviert das nicht nur die anderen. Es vermittelt auch ein falsches Bild davon, wie Innovation funktioniert. Andere denken: „Ich muss der nächste Steve Jobs werden“ statt „Ich muss das richtige Team finden.“

Geteilter Erfolg wird nicht weniger, sondern mehr. Co-Creation bedeutet auch: Erfolg so erzählen, wie er entstanden ist. Als kollektive Leistung. Als Ensemble-Werk. Als das, was es wirklich ist. Das verändert nicht nur, wer sich wertgeschätzt fühlt, sondern auch, wie andere über Innovation denken.

Die Frage ist nicht, ob wir den gesellschaftlichen Heldenreflex überwinden können. Die Frage ist: Wie nutzen wir den einen Platz in der Talkshow, um das Ensemble sichtbar zu machen?

Wessen Erfolg feierst du? Und wessen Beitrag wird dabei unsichtbar?

Hinterlasse einen Kommentar